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Neu: Interaktiver Katalog zur Ausstellung Blick nach vorn - Aufbruch in die 2020er Jahre

HAP Grieshaber - Printed pictures

Schloss Dätzingen / D-71120 Grafenau
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Galerie SchlichtenmaierBlick nach vornAufbruch in die 2020er Jahre Blick nach vornAufbruch in die 2020er JahreGalerie SchlichtenmaierKatalogbuch zur Ausstellung in Schloss Dätzingen 19. Juni – 4. September 2021248 S. Katalog.indd 127.05.21 13:36 248 S. Katalog.indd 227.05.21 13:36 3Aufbruch in die 2020er Jahre – eine EinführungNur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise, Mag lähmender Gewöhnung sich entraffenaus: Hermann Hesse, ›Stufen‹Die Goldenen Zwanziger Jahre waren nicht ganz so golden, wie der Terminus suggeriert. Zumindest vom Alltag her gesehen nicht – der Aufschwung ließ auf sich warten, und kaum war er da, ging er auch schonwieder zu Ende. Aber die Künste waren von einer Überfülle und einer Vielfalt, die so noch nicht erlebt wurde – Bauhaus und Neue Sachlichkeit, monumental und minimal, anarchisch und konstruktiv. Die Auf-bruchstimmung jener Zeit – ein Jahrhundert ist es her – war ein symbolträchtiger Impuls für die Ausstel-lung der Galerie Schlichtenmaier im Juni 2021, die 40 zeitgenössische Positionen vereint, um einen »Blick nach vorn« zu wagen. Die Pandemie war zudem ein äußerer Anlass, der allerdings nicht nur das Vorha-ben um einige Monate verschieben ließ, sondern auch die Bundesregierung auf den Plan rief, unter dem Motto »Neustart Kultur« Projekte zu fördern, die zeigen: die Kultur lebt nach wie vor. Dabei ist nicht entscheidend – es ist auch nicht möglich –, dass sie die Welt neu erfindet. Nach anderthalb Jahren Aus-nahmezustand insbesondere auch für die kulturschaffenden Branchen braucht es einen großen Atem, um an eine Zeit anzuschließen, als die Künste wie selbstverständlich zu unserem alltäglichen Leben gehörten. Mit sehr wenigen Ausnahmen sind alle Arbeiten dieser Ausstellung in den Jahren 2020–21 entstanden.Da die Welt nach der Pandemie nicht mehr dieselbe sein wird wie im Jahr 2019, kann eine Bestandsauf-nahme der Kunst kaum bewusst abstecken, was das Dezennium ergeben wird. Bewahrung, Wagnis und Vision liegen dabei nah beieinander. Das ist nicht zuletzt eine Frage der Haltung: Es gibt ja künstlerische Positionen, die grade in der Beständigkeit ihre Kraft beziehen, andere, die schon immer in Unruhe sind und diese nun nur deutlicher spüren als zuvor. Die Ausstellung möchte den Rahmen der puren Präsentati-on sprengen. 40 Künstler*innen zu zeigen, ist nur durch bestimmte Vorgaben möglich, die den einzelnen Positionen kaum gerecht werden kann. Deshalb ist auch dieser Katalog entstanden, der die einzelnen Künstler mehr würdigt, als es für eine Galerie sonst üblich ist. Über einen Code im Anschluss an diese Einführung kann sich der Leser auf ergänzende Künstlervideos und Künstlerseiten führen lassen, die auch über die Online-Version des Katalogs auf der Website der Galerie Schlichtenmaier zu finden sind. Die Vernetzung von Ausstellung (Schloss Dätzingen), Information (Katalog) und Grenzüberschreitung (soziale Medien) ist Programm: Neustart Kultur heißt nicht nur, dass die Kunst wieder physisch zugänglich gemacht wird, sondern auch, dass deren Vermittler Wege finden und sie ausbauen, um den Zugang über Zeiten und Räume hinweg zu ermöglichen.248 S. Katalog.indd 327.05.21 13:36 4Zurück zum Katalog: Jedem Künstler und jeder Künstlerin sind sechs Seiten gewidmet. Auf ein Porträtbild folgen Informationen zur biografischen und zur Ausstellungs-Vita, die verkürzt wiedergibt, was auf der Web-site ausführlicher vorgestellt wird. Darauf folgen zwei Abbildungen, die das Werk charakterisieren und die hoffentlich neugierig machen, mehr von den Künstler*innen zu erfahren, was wiederum über die Online-Ausstellung sowie die Künstlerseiten auf der Website möglich wird. Im Anschluss an die Bildseiten finden sich eine Beschreibung über das Werk sowie Statements der Künstler*innen, die aus originalen Bekennt-nissen, Gedichten und literarischer Prosa oder aus Interviews stammen sowie in einigen Fällen auch spezielle Fragen beantworten, die hier ausformuliert sind (auf den jeweiligen Seiten sind sie nur verkürzt angedeutet):Warumbin ich Künstler*in (geworden)?Werund was prägten mich auf meinem Weg zur Kunst in Höhe- und Tiefpunkten?Wasbeschäftigt mich bei meiner gegenwärtigen Arbeit?Wiestelle ich mir meinen Lieblingssammler vor? Wie lautet meinLebens- und Arbeitsmotto?Was erwarte ich von der Kunst der 2020er Jahre?Der Aufbruch in die neuen Zwanzigerjahre wird nicht von einer Generation allein getragen. Jürgen Brod-wolf, Jahrgang 1932, ist der reifste Teilnehmer. Die jüngsten Teilnehmerinnen der Ausstellung sind Anna Bittersohl und Claudia Magdalena Merk, beide 1982 geboren. Zwischen diesen Geburtsjahren liegen also genau 50 Jahre. Die meisten der Ausstellenden sind in der Malerei zu Hause, was vielleicht nicht der Situation der instituti-onellen Kunstpräsentation, wohl aber der der Galerien entspricht. Ganz von der Farbe bestimmt, die sich je nach Temperament der Figuration und der Gegenständlichkeit annähert, sind die Arbeiten von Ralph Fleck, der aus der Geste heraus malt und in der Fernwirkung zu atemberaubenden »Echtbildern« gelangt. Seine einstige Studentin Anna Bittersohl findet zu eher erzählerischen Lösungen, was insgesamt die jüngere Generation auszeichnet: man denke an die Vertreterinnen der Neue Leipziger Schule, Katrin Brause a.k.a. Heichel und Miriam Vlaming oder auch Claudia Magdalena Merk, die wie Xianwei Zhu aus der Klasse von Cordula Güdemann stammt, die zu den farbkräftigsten Malerinnen der Gegenwart gehört, die die Malerei auch als Provokation der Sinne wahrnimmt. Von den früheren Neuen Wilden Friedemann Hahn und Bernd Zimmer ist im Zuge der gemäßigten Peinture ein kleiner Schritt zu Beate Knapp. Bei durchaus unklaren Grenzverläufen sind einige Künstler*innen eher vom realen Motiv als der Farbe her bestimmt, wiewohl diese nicht minder prägend bleibt. Volker Blumkowski etwa, der mit philosophischer Ironie den Realismus auf den Kopf stellt, oder Eckart Hahn, der diesen sogar gänzlich in Frage stellt. Joachim Kupke konfron-tiert die vorgeblich reale Malerei früherer Jahrhunderte mit ihrer eigenen Virtualität, und Ben Willikens248 S. Katalog.indd 427.05.21 13:36 5überführt klassisch perfekte Perspektivräume in die Realität eines absurden Bühnenbildes. Volker Lehnert mischt gleich verschiedene Realismen synchron zu einer überrealen Momentaufnahme, wohingegen Chri-stoph M. Gais magisch-reale Dinge in ein abstraktes Farbfield legt. Die Magie der menschlichen Erscheinung pflegen Peter Sehringer und ganz anders auch Cornelia Schleime. Jan Muche scheint sich in der Figurati-on nahe bei ihr aufgestellt zu wissen, während er bei seinen konstruktiven Bildern Maß an der formalen Abstraktion nimmt. Die Malerei wäre freilich nicht vollständig abgedeckt, wenn nicht die absolute Farbe mit von der Partie wäre. Hier demonstrieren Thomas Deyle, Edda Jachens und Sibylle Wagner, dass man mittels Farbe Erlebnisräume schaffen kann, die Sinnlichkeit und Ästhetik vereinen. Man hat die Galerie Schlichtenmaier in Kollegenkreisen auch schon als Galerie der Bildhauerei bezeichnet, was insofern nicht ganz abwegig ist, da wohl selten so viele skulpturale und plastische Positionen vertreten sind wie hier. Allein die Materialvielfalt und die spannenden Stufungen zur Abstraktion hin sind überwäl-tigend. Wie grundverschieden man etwa mit Stahl umgehen kann, zeigen Robert Schad, Werner Pokorny, Manuela Tirler oder Axel Anklam. Wie elementar die haptische Sinnlichkeit hier ist, sieht man natürlich auch an anderen Materialien, die teilweise erst in der jüngeren Kunstgeschichte zur Verwendung kamen, auch in der Grenzüberschreitung zu anderen Gattungen – hier seien nur die Namen von Jürgen Brodwolf, Camill Leberer, Martin Bruno Schmid, Reiner Seliger oder Elisabeth Wagner genannt.Die Fotografie hat sich erst in den letzten wenigen Jahren im Programm der Galerie Schlichtenmaier eman-zipiert – allein Platino gehört zu den älteren Galeriekünstlern, der jedoch über die Malerei zur Fotografie kam und in seiner Radikalität noch immer einen Sonderstatus hat. Auch Luzia Simons bezieht sich thema-tisch auf die Malerei und nimmt mit ihren Scanogrammen auch eine eigene Position unter den Fotografien ein. Eine neue Zusammenarbeit gibt es mit Saskia Boelsums, Sinje Dillenkofer, Elger Esser, Martin Klimas, Hiroyuki Masuyama sowie Vera Mercer.Ein Seitenzweig der malerischen Kunst sei hier nicht unter ferner liefen genannt: die Druckgrafik und Zeich-nung haben sich längst zu völlig autonomen Gattungen entwickelt, wiewohl meist Maler, Bildhauer oder Fotografien sich ihrer als zusätzlicher Ausdrucksform widmen, man denke hier nur an Lehnert oder im Hinblick auf die Zeichnung Masuyama, Schad, Simons oder Elisabeth Wagner. Mit Matthias Mansen ist jedoch ein reiner Grafiker in der Ausstellung vertreten, der den Holzschnitt zu einer neuen schöpferischen Blüte gebracht hat. Mit einer an die antike Idyllik rührenden Serie mit dem Titel »Das gute Leben« mag er als hoffnungsfrohes Zeichen für die Intention dieser Ausstellung stehen.Isabelle Bardehle Günter Baumann Kay Kromeier Bert Schlichtenmaier Hilla Schlichtenmaier Kuno Schlichtenmaier248 S. Katalog.indd 527.05.21 13:36 6ONLINE-KATALOGScannen Sie diesen QR-Code oder folgen Sie dem Linkwww.schlichtenmaier.de/Katalog/Aufbruchum zur ONLINE-Version des Kataloges zu gelangen. Dort gibt es Interviews mit vielen der Künstler*innen und weitere Informationen, die unseren gedruckten Katalog fortwährend erweitern.248 S. Katalog.indd 627.05.21 13:36 7Matthias MansenMatthias MansenHiroyuki MasuyamaHiroyuki MasuyamaVera MercerVera MercerClaudia Magdalena MerkClaudia Magdalena MerkJan MucheJan MuchePlatinoPlatinoWerner PokornyWerner PokornyRobert SchadRobert SchadCornelia SchleimeCornelia SchleimeMartin Bruno SchmidMartin Bruno SchmidPeter SehringerPeter SehringerReiner SeligerReiner SeligerLuzia SimonsLuzia SimonsManuela TirlerManuela TirlerMiriam VlamingMiriam VlamingElisabeth WagnerElisabeth WagnerSibylle WagnerSibylle WagnerBen WillikensBen WillikensXianwei ZhuXianwei ZhuBernd ZimmerBernd ZimmerAxel AnklamAxel AnklamAnna BittersohlAnna BittersohlVolker BlumkowskiVolker BlumkowskiSaskia BoelsumsSaskia BoelsumsKatrin Brause a.k.a. HeichelKatrin Brause a.k.a. HeichelJürgen BrodwolfJürgen BrodwolfThomas DeyleThomas DeyleSinje DillenkoferSinje DillenkoferElger EsserElger EsserRalph FleckRalph FleckChristoph M. GaisChristoph M. GaisCordula GüdemannCordula GüdemannEckart HahnEckart HahnFriedemann HahnFriedemann HahnEdda JachensEdda JachensMartin KlimasMartin KlimasBeate KnappBeate KnappJoachim KupkeJoachim KupkeCamill LebererCamill LebererVolker LehnertVolker Lehnert9152127333945515763697581879399105111117123Seite129135141147153159165171177183189195201207213219225231237243Seite248 S. Katalog.indd 727.05.21 13:36 8248 S. Katalog.indd 827.05.21 13:36 91971 geboren in Wriezen1998 – 2004 Studium an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle, ab 2002 UdK Berlin2003 Hauptpreis im Skulpturenwettbewerb ›Die neue Berolina‹, Berlin2006 Meisterschülerpreis des Präsidenten der UdK, Berlin Coburger Glaspreis, Coburg Saar Ferngas Förderpreis Junge Kunst, Saarbrücken2007 / 2009 Teilnahme an der 22./23. UBE Biennale International Open Sculpture Competition, Ube2009 Stipendium Herrenhaus Edenkoben2010 Gastprofessur für Bildhauerei an der Staatlichen Akademie für Bildende Künste Stuttgart 9. Ernst-Rietschel-Kunstpreis für Bildhauerei, Pulsnitz Gerlinde Beck-Preis für Skulptur2013 Teilnahme an der 55. La Biennale di Venezia, Palazzo Bembo, Venedig2017 Kunstpreis in der Sparte Bildende Kunst, Akademie der Künste Berlin lebt und arbeitet in Berlin und Bad FreienwaldeAUSSTELLUNGEN / Auswahl2019 ›Der Berg ruft‹, Galerie Schlichtenmaier, Stuttgart (E) | ›What‘s up?!‹, Galerie Schlichtenmaier, Grafenau | 2018 ›Lichte Schatten‹, Museum Art.Plus, Donaueschingen (E) | ›Argos Fahrt‹, Dominohaus, Reutlingen (E) | ›Anklam trifft Hauser‹, Kunststiftung Erich Hauser, Rottweil (E) | 2017 ›Schneeland‹, Kunstverein Reutlingen e.V., Reutlingen (E) | 2016 ›Lichter‹, Kleine Galerie am Rathaus sowie im Stadtraum, Eschborn (E) | 2013 Deutsche Werkstätten Hellerau GmbH, Dresden (E) | ›Masseneffekte‹, Altes Straßenbahndepot, Kunstsamm-lung Jena, Jena (E) | ›Yokoo & Anklam‹, Japanisch-Deutsches Zentrum Berlin, Berlin (E) | Guardini Galerie,Berlin (E) | 2012 ›Axel Anklam‹, GEHAG Forum, Berlin (E) | 2010 ›Axel Anklam‹, Ernst-Rietschel-Kulturring e.V., Pulsnitz (E) | 2009 ›Parcours‹, ARTE GEIE, Strasbourg (E) | ›TOUR‹, Städtische Galerie Offenburg, Offenburg (E) | ›territory‹, Herrenhaus, Edenkoben (E) | ›Parcours‹ Angermuseum, Erfurt (E)Axel Anklam248 S. Katalog.indd 927.05.21 13:36 10Line IVAxel Anklam, Line IV, 2020GFK, Edelstahl, 31 × 29 × 36 cm, 3. Variante von 3 Exemplaren248 S. Katalog.indd 1027.05.21 13:36 11Line OpenAxel Anklam, Line Open, 2020Edelstahl, 70 × 82 × 65 cm, 1. Variante von 3 Exemplaren248 S. Katalog.indd 1127.05.21 13:36 12Skulpturen als NaturschauspielIm weitesten Sinn ist Axel Anklam Landschaftsbildhauer. Das macht gleich zweifach stutzig. Zum einen ist das Genre nicht auf Anhieb einleuchtend, zum anderen ist das Landschaftsmotiv in der Plastik kein gängiges Thema. In der Tat versucht Anklam nicht, ein Naturstück dreidimensional umzusetzen, sondern eine unmittelbare Stimmung, einen erhabenen Eindruck davon bildräumlich einzufangen. Das mag ein Felsmassiv genauso zu sein wie ein kräftiger Wind. Der Bildhauer beschäftigt sich in seinem Werk mit den Phänomenen der Verwandlung und Bewegung im Raum. Neben Sockel- und Wandplastiken, die sich in abstrakter Form dem Motiv der Landschaft nähern, befreien sich seine Freiplastiken von der gewohnten Statik der Bildhauerei. Luftig dehnen sich die Gebilde himmelwärts aus – man denke an das Motiv der »Windsbraut«. So verwandeln diese wetterbeständigen Arbeiten auch Gärten und Parks in einen sinnlich erhebenden Ort. Hier betritt Axel Anklam durchaus Neuland. In der Malerei gab es zwar moderne Darstel-lungen (Max Ernst, Oskar Kokoschka), doch die Bildhauerei tat sich schwer. Anklam hat mit seiner trans-parenten Form einen eigenen Zugang geschaffen. »Line Open« greift das Spiel von Naturphänomen und ästhetischer Form auf, wie die »Lines«-Arbeit das Spiel der poetischen Rhythmik im Licht der Farbe zeigt. Es verwundert nicht, dass Anklams Werk an der Musik Maß nimmt, die sich von allen Künsten am entschiedensten von der dinglichen Figuration und dem Naturbild frei machen kann, ohne deshalb abstrakt zu werden. Seine »Daphne« bildet als Klang geworde-nes, poetisches Gedanken-Bild einen Moment der Sinne ab – bekanntlich entzieht sich Daphne nach Ovid der liebestollen Bedrängnis Apollons durch ihre Verwandlung. Poesie und Klang, Stille und Einkehr findet Anklam insbesondere bei Wanderungen in den Bergen. Die Motivserie »Massiv« beruht auf Beobachtun-gen von Felsmassiven – es handelt sich also um Naturdarstellungen in einer stark abstrahierten, ästhetisier-ten Form. Mit dem Laser sind die Linien in eine Metallplatte geschnitten, die durch die minimale Faltung je nach Standort changierende Lichtbrechungen zulässt. Die so entstehende Raumillusion gibt den Blick auf eine imaginäre Bergwelt frei, wenn man sie denn kraft der Phantasie so empfinden will. Axel Anklam inszeniert Oberflächen, die durch ihre leicht geknickte Form Spiegelungen zulässt oder in opaker Zurück-haltung erscheint. Was bei den formverwandten »Massiv«-Bildern rein assoziativ auf die Landschaftsthe-matik begrenzt ist, hat in »Schneeland« auch einen literarischen Bezug: in dem gleichnamigen Roman des japanischen Literaturnobelpreisträgers Yasunari Kawabata geht es um die Sinnsuche eines Ästheten und Lebemanns in der Einsamkeit der japanischen Berge. Der Bildtitel »Neue Welt«, der dem Serientitel beigeordnet ist, könnte auf diese fiktiven Erfahrungen bezogen sein, spielt aber auch mit dem Gedanken an Schneefielder, die der Landschaft ein eigenes, stilleres Gepräge geben als dem sommerlichen Pendant.248 S. Katalog.indd 1227.05.21 13:36 13Axel Anklam… um die eigenen Grenzen wissenMeine Arbeit ist zwar abstrakt, aber nicht kontextlos. Ich habe noch in Ostberlin angefangen als Kunst-schmied zu arbeiten – in einem ganz anderen Wertegefüge. Dann erlebt man, wie die Gesellschaft auseinanderfliegt und sich alles und jeder bis in die Familienstrukturen hinein vollkommen neu orien-tieren muss. Meine Herkunft und Biografie spielen insofern heute noch für meine Arbeit eine Rolle, doch worauf es mir künstlerisch ankommt, ist, dass meine Skulpturen die Gegenwart überdauern, dass sie relevant bleiben und dass man sie in Zukunft anders lesen wird als heute. Deshalb arbeite ich auch weniger zeitaktuell oder figurativ, sondern abstrakt.… Für mich geht es in der Kunst um Poesie und Einfühlung. … Ich möchte dem Betrachter durch Abstraktion eine andere Welt eröffnen.Wichtig für meine Arbeit ist, dass sie in einem Prozess entsteht. … Bei meinen Skulpturen gibt es immer einen Anfangsimpuls, wie zum Beispiel ein Gefühl, eine Landschaft oder die Musik. Aber die Formen entwickeln darauf aufbauend eine Eigendynamik, während ich an ihnen arbeite. … Ich möchte nicht didaktisch vorführen, wie schlimm oder wie gut die Welt ist, und damit den Betrachter nötigen. Meine Kunst ist ein Gegenpol zu einer Wirklichkeit …, in der wir von Bildern überflutet werden. Selbst wenn sie noch so feinsinnig sind, neue Bilder konkurrieren ständig mit alten, verdecken sie, um das Publikum durch vermeintliche Neuheit zu erreichen. … Ich bewundere die subtile Eindringlichkeit der Musik … Musik besitzt die Macht, tröstend zu wirken … Das liegt an der Abstraktion, die in der Musik steckt. Sie spricht universell. Das ist etwas, was ich mit meinen Arbeiten erreichen möchte. Ich erzeuge keine modischen Moment-aufnahmen, die um jeden Preis dem Zeitgeist hinterhereilen. Das Spannende an Bildhauerei ist, dass sie unmittelbar alle Sinnesorgane anspricht. Um eine Skulptur zu erfassen, muss man den Raum erleben, in dem sie steht. Ich glaube, dass sich alles, was wir täglich empfinden und fühlen, in seiner Gesamtheit zu unserer Realität zusammenfügt. Ein Bild funktioniert demgegenüber durch Vergeistigung. Die meisten Entscheidungen werden heute vor allem auf Grund von Bildern gefällt. Doch sie sind nicht unbedingt real. Es sind virtuelle Abbilder der Welt, die man unterschiedlich interpretieren und lesen, oft auch manipulativ benutzen kann. Mir geht es also immer darum, durch die körperlich-ästhetische Erfahrung ein Bewusstsein für die Realität zu schaffen.Aus einem Gespräch mit Hendrik Lakeberg248 S. Katalog.indd 1327.05.21 13:36 14Video - Interview - Blick nach vorn mit Anna Bittersohl248 S. Katalog.indd 1427.05.21 13:36 151982 geboren in Dachau2003 – 2009 Studium an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg2008 Meisterschülerin bei Ralph Fleck2012 Kunstpreis der Anton und Petra Ehrmann-Stiftung, Böblingen2013 – 2016 Atelierförderung durch das Land Bayern2014 Arte Laguna Preis, Venedig2018 / 2019 Ankäufe Sammlung Deutscher Bundestaglebt und arbeitet in LeipzigAUSSTELLUNGEN / Auswahl2020 ›Imagine there is just one‹, Galerie Schlichtenmaier, Stuttgart (E) | One-Artist-Show, art KARLSRUHE, Galerie Schlichtenmaier (E) | ›Wie Blüten gehn Gedanken auf‹, Galerie Schlichtenmaier, Stuttgart | 2019 ›how to keep a bird without killing?‹, Galerie Eigenheim e.V., Berlin (E) | ›Mirroring Insights of Time‹, AKI Gallery, Taipei (E) | ›What‘s up?!‹, Galerie Schlichtenmaier, Grafenau | 26. Leipziger Jahresausstellung, Leipziger Baumwollspinnerei, Leipzig | 2018 ›der Weg alles Zeitlichen‹, Spinnerei archiv massiv, Leipzig (E) | ›You Grow in Your Garden‹, Rutger Brandt Gallery, Amsterdam (E) | ›AffenTheater – Der Affe in der Kunst der Gegenwart‹, Forum Kunst Rottweil, Rottweil | ›Nach dem Bild ist vor dem Bild‹, Kunstverein Freunde aktueller Kunst e.V., Zwickau | 2017 ›...a better place‹, BRENNECKE FINE ART, Berlin (E) | ›Mythos Giverny‹, Galerie Schlichtenmaier, Stuttgart | 2015 ›Stillleben‹, Gesellschaft der Freunde junger Kunst, Baden-BadenVideo - Interview - Blick nach vorn mit Anna BittersohlAnna Bittersohl248 S. Katalog.indd 1527.05.21 13:36 16Anna Bittersohl, the disaster of ideas, 2020Öl auf Leinwand, 70 × 60 cmthe disaster of ideas248 S. Katalog.indd 1627.05.21 13:36 17Anna Bittersohl, fragilities truce, 2021Öl auf Leinwand, 80 × 80 cmfragilities truce248 S. Katalog.indd 1727.05.21 13:36 18Im Pathos der FarbeAnna Bittersohl entwirft in ihrer Bildsprache eine multiple Welt, in die sie den einzelnen Menschen – um nicht zu sagen: die Kreatur – stellt. Diese materiell nicht immer stabilen Figurationen gehen nahezu un-sichtbar in der Natur auf, oder aber sie werfen sich ihr geharnischt in den Weg. Nie weiß man so genau, ob sich die agierenden Menschen oder Tiere hingebungsvoll oder trotzig, in Selbstaufgabe oder in Selbst-behauptung in der Welt bewegen. Das sind jedoch alles nur Denkbilder, denen sich allerhand Erinnertes, Erlebtes, Gesehenes und Eingebildetes beigesellt. Die Künstlerin sieht ihre Bilder als Speicher, Archiv, Gedächtnis. Sie reagiert damit rein malerisch auf die Wahrnehmung einer so ersehnten wie unmöglichen Wirklichkeit. Da jede Erinnerung immer auch eine Ansammlung von verblassenden, geschönten oder überhöhten Bildern ist, sieht Anna Bittersohl in deren Bewältigung einen schöpferischen Prozess. Damit meint sie nicht nur den Einsatz ihrer Phantasie, die zurechtrückt, was nicht mehr ganz erinnerlich ist, sondern auch die Einbindung ihres Körpers und ihres Geistes: Sie mag die großen Formate, in die sie sich selbst mit ausschweifender Geste hineindenken kann; und sie mag die kleinen, nahezu intimen Formate, in die sie sich wie in ein Buch versenken kann. Die Lust an der puren Malerei ist verknüpft an eine »Erwartung« an das Bild, in den Worten Anna Bittersohls: an »die Wahrheit seines Moments«. Im digitalen Zeitalter werden wir stetig konfrontiert von Überlagerungen natürlicher und virtueller Ein-drücke. Statt sich selbst digitaler Techniken zu bedienen, verarbeitet Anna Bittersohl ihre Eindrücke mit Hilfe der klassischen Ölmalerei auf Leinwand bzw. – im kleinen Format – auf Holz, gelegentlich mit zeich-nerischen Kreidespuren. Persönliche Wahrnehmungen vermischen sich mit märchen- und sagenhaften Elementen; naturhafte Darstellungen wechseln mit abstrakt-expressiven Farbinterventionen. Souverän versteht es die Künstlerin, die verschiedenen Realitätsebenen durch Übermalungen, scheinbar entmateria-lisierte Malvorgänge und simultane Szenerien (etwa zeitlich oder räumlich unterschiedlicher Handlungen) darzustellen. Darüber hinaus versetzt Anna Bittersohl den Menschen wie auch eine artenreiche Tierwelt in eine dschungelhafte, schwer zugängliche und wilde Natur, welche gleichsam die rational kaum mehr zu durchdringende Außenwirklichkeit und die fragile, vielverzweigte Innerlichkeit des Menschen wieder-gibt. Die Protagonisten selbst – Ritter, Pilger, Abenteurer, Heilige, Träumer oder Wächter und Grenzgänger (jeweils mal männlich, mal weiblich) – neigen zum Scheitern, sie zeigen sich aber zugleich sehnsuchtsvollund hoffnungsfroh. Dem Pathos entgeht die Malerin durch eine ausgewogene Balance von Dynamik und Ruhe, wenn man so will, von äußerer und innerer Bewegung, Anspannung und Selbstbewusstsein. Die letztlich autonome Farbigkeit verwischt derartige Befindlichkeiten auf eine Weise, die technische Brillanz und malerische Schönheit eint.248 S. Katalog.indd 1827.05.21 13:36 19look at the squarelong stretched cottonuncomfortable lengthever straightest stepsasking familiar black patternsformes unexpected homein a strange place to a closer roomBlick auf das Quadratlang gestreckte Baumwolleunbequeme Längeimmer gerade Schrittefragen vertraute schwarze Musterformen unerwartete Heimatan einem fremden Ortzu einem näheren RaumAnna Bittersohl248 S. Katalog.indd 1927.05.21 13:36 20Video - Interview - Blick nach vorn mit Volker Blumkowski